Silvretta-Stausee
2030 Meter über Meer, inmitten der Berge der Silvretta mit ihren rund 40 Gletschern, legt im Juni 1956 ein Schiff ab; die «Brigantia», die neue Attraktion auf dem Stausee Silvretta. 38,6 Millionen Kubikmeter Wasser liegen unter dem Kiel des eleganten Schiffs. Zurückgehalten werden die Wassermassen auf der Bielerhöhe von drei Staumauern, der Hauptmauer aus 407 000 Kubikmeter Beton, der Seitenmauer aus 18 400 Kubikmeter Beton und dem Bielerdamm, für den man 340 000 Kubikmeter Erde aufgeschüttet hat. Am Ufer feiert man derweil die Eröffnung des Hotels Silvrettasee, eines Luxushotel mit 80 Betten und einem gedeckten Swimmingpool, unweit davon eröffnet im selben Jahr der Berggasthof Piz Buin. Bereits parken auch Autos am See; zwei Jahre zuvor hat man die Silvretta-Hochalpenstraße eröffnet. Schöne neue Zeiten, die mit dem ersten Vollstau des Silvrettasees 1951 beginnen...
Nur wenige Jahre zuvor sieht alles anders aus. Die Alpweiden des Großvermunter Ochsenbodens am Ausgang des Ochsentals werden ab 1938 zur Großbaustelle, östlich der Bielerhöhe beim Madlenerhaus entsteht eine Barackensiedlung, das sogenannte Silvrettadorf: elf trostlose Unterkünfte für jeweils 80 Mann. Für den Bau des Stausees werden nicht nur reguläre Arbeiter rekrutiert, sondern bis Kriegsende immer mehr Zwangsarbeiter und dann auch Kriegsgefangene eingesetzt. Bis zu 1000 Menschen arbeiten unter prekären Umständen im Herzen der Silvretta, auf den ehemaligen Alpweiden von Großvermunt, die mit dem ersten Teilstau 1943 mitsamt dem alten Veltliner Hüsli in den Fluten versinken werden. Viele Arbeiter versuchen zu fliehen, viele werden dafür schwer bestraft, erschossen oder in Konzentrationslager gebracht. Nur von 48 Flüchtigen weiß man, dass sie sich über die Pässe der Silvretta in die Schweiz retten konnten. An diese dunklen Zeiten erinnert die Barbarakapelle beim Hotel Silvrettahaus. Nicht nur Eleganz, sondern auch Elend prägen also die Geschichte des Silvretta-Stausees. Die «Brigantia » übrigens, gebaut aus Eiche und Mahagoni, fand bereits nach wenigen Jahren einen letzten Verwendungszweck: als Brennholz. Ersetzt wurde sie durch die «Silvretta», dem nunmehr höchstgelegenem Linienschiff Europas. Aber auch das ist mittlerweile nicht mehr in Betrieb. Und ersetzt wurde 1991 auch das Hotel Silvrettasee durch das neue Silvrettahaus.
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