»Re di Pietra«, der König aus Stein, wie der Monviso auch genannt wird, ist für die Piemontesen viel mehr als ein Berg. Er ist Symbol und Mythos, und es gehört zum Prestige, wenigstens einmal im Leben auf seinem Gipfel zu stehen. Doch der Weg ist lang und unberechenbar, denn der Monviso ist für seine Wetterumstürze bekannt. Es muss mit aller Deutlichkeit gesagt werden: Die Besteigung dieses Berges sprengt im Grunde den Rahmen eines Wanderbuches, doch seine königliche Ausstrahlung und die dominierende Präsenz sichern ihm dennoch den Platz. Besser, man macht sich durch eine kompetente Beschreibung ein eigenes Bild von der Situation auf dem Normalweg, als dass man ahnungslos loszieht, wie viele das tun – und dabei häufig nicht nur sich selbst in Gefahr bringen. Nur erfahrene, gut ausgerüstete Alpinisten oder Konditionsstarke am Seil eines Bergführers sollten mit dem Monviso auf Felsfühlung gehen.
Der Monviso ist ein Blickfang ohnegleichen, nur gibt es leider sehr, sehr viele Tage, an denen er sich gleichsam im Nichts auflöst. Oft zeigen sich die ersten Wolken schon ab 10 Uhr vormittags, und sie wachsen mal mehr, mal weniger rasch zu wahren Monstern aus, die sich nachmittags gern in krachenden Gewittern entladen. Mitunter lockern aber Nordwindlagen diese Situation auf und bescheren ungemein klare Tage, die allerdings auch frostige Temperaturen mit sich bringen. Wie dem auch sei, die Wetterlage muss gut beobachtet werden, und es gehört natürlich auch ein bisschen Glück dazu, den Monviso unter optimalen Bedingungen genießen zu dürfen. Die Praxis sieht so aus, dass sich Alpinisten eher in der frühen Jahreszeit, also etwa im Juli, dem Berg widmen – in einer Zeit, in der sich der Monviso noch nicht ganz vom Winter erholt hat, was aufgrund von Vereisungen und Schneefeldern den Einsatz von Steigeisen notwendig macht. Ambitionierte Bergwanderer hingegen wollen den Berg eher im Spätsommer erobern, in der Hoffnung, dann auf zusätzliches Ausrüstungsmaterial verzichten zu können. Bivaccos, Notunterkünfte mit bequemen Matratzen und warmen Decken, stehen für diejenigen bereit, die den Rückweg zum Rifugio nicht mehr schaffen. Im Hochsommer, speziell an sonnigen Wochenenden, ist mit Hochbetrieb am Berg zu rechnen. Dabei kann es vor allem an heiklen Stellen mitunter zu Staus kommen, auch wird Steinschlag häufiger ausgelöst. Die Route führt durch bröseliges Gestein, was die Besteigung mühsam und schier endlos erscheinen lässt. Doch die ergreifenden Tief- und Ausblicke lassen die Anstrengung in den Hintergrund treten. Wer endlich auf dem Gipfel steht, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. An klaren Tagen reicht der Blick vom Monte Rosa und dem Matterhorn über die Seealpen bis zum Mittelmeer.
Vom Rifugio Quintino Sella empfiehlt sich in jedem Fall ein sehr früher Aufbruch. Man steigt kurz zum See ab und nimmt rechts den Pfad, der südwestlich steil und im oberen Teil als Klettersteig angelegt in den Passo delle Sagnette, 2991 m (1 Std.), zieht. Vom Pass gegen die Forciolline-Seen absteigen, bald aber rechts haltend über Blockwerk nördlich in den Grund des Kares queren. Durch dieses gegen die wuchtige Südwand und auf den mit einem großen Steinmann markierten Moränenwall des Visogletschers. Über die gänzlich mit Blockwerk bedeckte Gletscherterrasse rechts haltend an den Fuß der Felsen. Dort zunächst am Rand, dann scharf rechts in leichter Kletterei hinauf zum Bivacco Andreotti, 3225 m (1.30 Std.). Kurz oberhalb muss man das kleine Gletscherfeld des Ghiacciaio Sella aufsteigen. Im Hochsommer liegt im oberen Teil oft kein Schnee mehr, und man muss sich mühsam durch den losen Schutthang quälen, bis das Felsband erreicht ist, dem nach links gefolgt wird. Die gelben Markierungen
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