Vierländerregion Bodensee
Zum historischen „Hintergrund" des Brunnens auf dem Überlinger Landungsplatz.
Der in Bodman ansässige Bildhauer Peter Lenk vergegenwärtigt mit seinen Brunnenfiguren einen geschichtlichen Stoff, allemal eine große Dichtung: Bei der "Seegfrörne" des Jahres 1573 überquerte ein Reiter allen Warnungen zum Trotz sozusagen im letzten Augenblick - das Eis war schon am Brechen - aus Richtung Dingelsdorf den See und erreichte mit knapper Not das Überlinger Ufer. Viele eilends zusammengelaufene Schaulustige wurden Augenzeugen, auch der
Überlinger Patrizier und Chronist Georg Han (gest. l5g7), der das Ereignis durch einen so packenden wie glaubwürdigen Bericht verewigt hat.
Der württembergische Pfarrer, Schulmann und Dichter Gustav Schwab (1792-1850m) mag von dieser Überlieferung bei einem seiner Aufenthalte am Bodensee gehört haben; Schwab war in Überlingen Kurgast und zählte ferner zum Freundeskreis des großen Germanisten, Bücher und Kunstsammlers
Joseph von Lassberg (1770-1855), des Schwagers der Droste, der während seiner Mußejahre erst in Eppishausen im Thurgau, dann, seit 1838, auf Schloss Meersburg hauste. Lassberg, profunder Kenner von Land und Leuten, kommt am ehesten als Schwabs Informant in Betracht.
Jedenfalls veröffentlichte Schwab 1827 in seinem Buch „Der Bodensee nebst dem Rheintal von St. Luziensteig bis Rheinegg"- nach einem Vorabdruck in Cottas" Morgenblatt" 1826- seine Ballade "Der Reiter und der Bodensee", die ihren Autor ebenso bekannt gemacht hat wie den Hergang selbst. Freilich griff Schwab weit über den Bericht des Augenzeugen von 1573 hinaus: Dem Dichter zufolge wusste der Reiter nicht, dass er den zugefrorenen Bodensee überquert hatte, und brach, als er den wahren Sachverhalt unmittelbar danach erfuhr, vor lauter Schrecken tot
zusammen. Die Tat hatte den Täter gewissermaßen eingeholt.
Diese Wendung der Ballade ist gleichwohl nicht ganz so originell, wie sie scheint: Nikolaus Wynmann oder Winmann, ein Schweizer Humanist, erzählte schon 1538, also Jahrzehnte vor der Überlinger Nachricht von 1573,v on einem auffällig ähnlichen Ereignis. Danach hatte ein Pilger auf einer Fußwallfahrt nach Einsiedeln den zugefrorenen Zürichsee überquert, aber ohne auch nur zu ahnen, was er da, im wahrsten Sinn des Worts, betrat. Als er später durch den Wirt seiner Herberge
belehrt wurde, in welcher Gefahr er arglos geschwebt hatte, sank er ohnmächtig nieder und wäre beinahe gestorben.
Ähnliches vermeldete Hans Erhard Escher 1652 wiederum vom Zürichsee, jedoch nun mehr statt von einem Pilger von einem Reiter, der aus Rapperswil gleichfalls ahnungslos über das zugefrorene Gewässern nach Zürich getrabt sein soll – hocherfreut, weil er seiner Lebtag noch nie ein so langgestrecktes ebenes Feld hatte durchmessen können. Am Ziele angelangt und darüber aufgeklärt, dass
jenes Feld in Tat und Wahrheit der Zürichsee gewesen, sei habe auch dieser Reisende eine jähe Ohnmacht erlitten.
Im Unterschied zum Helden der Ballade kommend ie Helden der beiden Erzählungen aus der Schweiz, Pilger und Reiter, zwar jeweils mit dem Leben davon, eine jähe Ohnmacht ist aber hier wie dort Preis der nachträglichen Aufklärung und Folge des dadurch erzeugten Schreckens. Auch deshalb stehen Wynmann/Winmann und Escher dem Gedicht Schwabs noch näher als jene Aufzeichnung des Patriziers aus Überlingen, ohne dass man mit Gewissheit sagen könnte, wo Schwab nun
Borgte oder doch- direkt? indirekt?- Anregungen empfing.
Peter Lenk ist für seinen Umgang mit historischen Stoffen spätestens seit der "Imperia" in Konstanz und dem Denkmal für Heinrich den Löwen in Schwerin bekannt. Einen historischen Stoff oder, im Überlinger Fall, die Schwab'sche Ballade bloß zu illustrieren wäre Lenk allerdings reichlich platterschienen. Die "Seegfröme" im übertragenen Sinn auf einen" Boten" von heute bezogen zu finden macht auch gewiss neugieriger. Zudem könnte ein kleines Brunnenbecken niemals das große
Gewässer in seiner Nähe angemessen „vertreten". Das besorgen besser" Nixen" von 18 bis 80 Jahren, denen man abnimmt, dass sie bereits einige Männer in die Tiefe lockten. Mit der Wahl des Standorts dagegen hat Lenk ganz entschieden an die Überlieferung angeknüpft; denn unweit vom jetzigen Brunnen ist der Reiter des Jahres 1573, dessen Namen und Herkunft übrigens, im Unterschied zu den Akteuren vom Zürichsee, noch sehr wohl geläufig sind, an Land gegangen - Andreas Egglisperger aus Ensisheim im Elsaß, Diener und Bote des dortigen habsburgischen Landvogts, Karl Graf von Hohenzollern. Auch die Stätte, wo dieser Reiter sich
dann von seinen Strapazen erholte, weiß man noch – das damals wie heute florierende Überlinger Gasthaus "Krone".
Also: Erinnerungen an historische Vorgänge- ja! Aber: Eine neue Geschichte und zudem ein Rätsel. Oder, um Peter Lenk selbst das Wort zu geben: „Wer reitet heute auf zugefrorenen Seen und bringt die Botschaft ins Land 'Je dünner das Eis umso tiefer die Erkenntnis'? Und wer sucht unermüdlich nach den Nixen seiner Jugend? Ein Dichter; w er sonst". Ein Dichter dieser Gegend.
Das Skulpturen ensemble wurde in Steinguss ausgeführt. Dauer der Arbeit: Zwei Jahre. Enthüllung: Ende Juni 1999.
Ein vom Künstler aufgelegtes illustriertes Faltblatt kann bei der Tourist-Information erworben werden.
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