Ein Tal wie aus dem Bilderbuch – und doch ganz anders: das Val Codera, rund 15 km lang und von einem Kranz hoher Felsgipfel umrahmt. Im Mündungsbereich zur Schlucht verengt, öffnet es sich hinter Codera zum Hochtal und gibt den Blick auf eine fantastische Granitkulisse frei – im Herbst, wenn sich die Lärchen verfärben, schneeüberzuckerte Zacken in den tiefblauen Himmel greifen, ein überwältigendes Bild. Im Frühsommer dominieren Grün und Braun, der Aufstieg von Novate Mezzola ist bei dem hohen Sonnenstand schon recht schweißtreibend. Denn starten muss man ganz unten; die Val Codera besitzt nämlich, obwohl das ganze Jahr über bewohnt, keine Straßenzufahrt! Und – noch erstaunlicher – die Talbewohner möchten keine Autos, nur eine moderne Seilschwebebahn. Als Ersatz für die antiquierte Konstruktion, mit der das meiste, was sich nicht auf dem Buckel heranschaffen lässt, ins Tal kommt. Wer das Val Codera besuchen will, muss das also auf Schusters Rappen tun, was wiederum den großen Vorteil hat, dass nicht nur Zeit zum Schauen, sondern auch zum Nachdenken bleibt. Über die »einfachen« Leute vom Land und die reichen »Milanesi« beispielsweise, die jeweils an den Wochenenden das Umland überfallen, auch über ein Straßenprojekt und den geplanten industriellen Granitabbau im Tal. Ein paar zusätzliche Anstöße liefert das kleine Museo della Valle.
Die Talwanderung beginnt am Parkplatz oberhalb von Novate Mezzola gleich mit dem steilsten Abschnitt. In kurzen Kehren steigt die Mulattiera an und quert dann hoch über dem Grund der Mündungsschlucht steile, abschüssige Felsen, ehe sie sich taleinwärts wendet. Man genießt packende Tiefblicke; an der gegenüberliegenden Talflanke sind die Wunden alter Steinbrüche zu sehen. Früher wurde hier überall Granit gebrochen; unmittelbar am Weg liegt der aufgelassene kleine Steinbruch von San Fedelino (samt bizarrer Seilbahnkonstruktion). Vor Avedee, 790 m, taucht man ein in schöne Kastanienhaine; bei der Häusergruppe zeigt sich Codera, 825 m, erstmals, noch eine Stunde entfernt, mit kurzem Treppab zu einer längeren Lawinengalerie. Im Ort ist dann eine ausgedehnte Pause fällig; wer nicht fotografierend malerischen Architekturdetails nachspürt, lässt sich vielleicht in einer urigen Osteria zu Wurst, Brot und Wein nieder. Hinter Codera wird das Tal weiter, auch alpiner: Lärchen haben die Kastanien
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