Im Jahr 1991 wurde am Tisenjoch, hoch oben auf 3200 Metern, eine Gletscherleiche gefunden, die sich als archäologische Weltsensation herausstellte: »Ötzi« war dort vor mehr als 5300 Jahren unterwegs und kam höchstwahrscheinlich gewaltsam durch einen Pfeilschuss ums Leben. Auch der archaisch wirkende Schaftrieb, der noch heute alljährlich über das Niederjoch auf die saftigen Weidegründe des inneren Ötztals stattfindet, unterstreicht die lange menschliche Geschichte in den Herzkammern des Gebirges. Viel später traten Alpinismus und Tourismus auf den Plan: Ende des 19. Jahrhunderts ließ der bereits erwähnte Serafin Gurschler mitten in Tirol, auf der Schwelle des Alpenhauptkammes, die Similaunhütte errichten. Wenig später kam sie fast genau auf der Grenze zwischen zwei Staaten zu liegen. Wie bei vielen Hütten in Südtirol haben ihr die politischen Ereignisse stark mitgespielt, doch ist die Similaunhütte letztlich in Privathand geblieben, trotz vorübergehender Beschlagnahmung und Entfremdung für militärische Zwecke. Heute führen sogar Nordtiroler aus Vent die Geschicke am Niederjoch, und die politischen Grenzen seitens freiheitsliebender Bergsteiger sind längst zur Marginalie abgestempelt. Wo die Hütte selbst schon oberhalb der 3000-Meter-Marke liegt, stehen Hochtouren logischerweise besonders im Fokus, vor allem der namengebende Similaun. Für Normalwanderer ist freilich auch die Ötzi-Fundstelle am Tisenjoch zu einer Art Pilgerziel avanciert. Und seit einiger Zeit ist das Niederjoch, und damit die Similaunhütte, als letzter Übergang am ultrapopulären E5 – genau genommen an der nicht originalen »Meraner Variante« – bekannt geworden.
Gegenüber der Staumauer in Vernagt nehmen wir die Route Nr. 2 auf und folgen zunächst dem asphaltierten Sträßchen hinauf zum Tisenhof, 1814 m. Hier setzt der eigentliche Bergweg ein. Es geht quasi schnurstracks ins Tisental einwärts, wobei der lockere Wald oberhalb der 2000-Meter-Marke allmählich zurückbleibt. Wir steigen weiter über Bergweiden auf, begleiten einen Bachgraben zunächst auf der rechten Seite und kreuzen einen der beiden Äste bald nach links. Vorbei an einem Wegweiser, ca. 2290 m, über mehrere Hochböden bis in den Hintergrund des recht einförmigen Hochtals, wo der grasige Untergrund vermehrt von Blockschutt abgelöst wird. Unterhalb des steilen Geländeriegels in Kehren empor, dann deutlich nach rechts und über schrofige Bänder, teils mit weiteren Kehren sowie um ein letztes Eck herum zur Similaunhütte, 3019 m, am Niederjoch. Der Abstieg verläuft gleich.
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Autor
Mark Zahel
Mark Zahel hat als fleißiger Wanderer und Bergsteiger bisher mehr als 3000 Tage auf Alpentouren verbracht und schöpft aus dieser Passion seit über 20 Jahren eine intensive publizistische Tätigkeit. Die Liste seiner Buchveröffentlichungen umfasst inzwischen rund 80 Titel – in jüngster Zeit sind auch einige Wanderführer über norddeutsche Regionen hinzugekommen. Seine Kenntnisse reichen über weite Teile des Alpenbogens, besonders häufig aber ist er in dem breiten Streifen zwischen Bayern und Südtirol unterwegs. Zahel vergleicht seine Erkundungen gern mit einem Puzzlespiel, dem immer wieder neue Teile hinzugefügt werden, ohne dass es jemals »vollendet« werden könnte oder sollte. So bleibt die persönliche Entdeckungslust ungebrochen, während sich das »Gesamtbild« nach und nach immer detailreicher herausschärft.

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