Wo der weiße Würger rumpelt
Die großartige beiderseitige Einfassung gestaltet das zur Nachmittagssonne hin geöffnete Oytal zum außergewöhnlichsten Oberstdorfer Hochtal. Während der frostigen Jahreszeit ist es verständlicherweise noch mehr als im Sommer von einem ziemlich ernsten Charakter geprägt. Die Bezeichnung Oy bezieht sich auf die Au, das feuchte Wiesenland. Neben den mannigfaltigen Gebirgsformen sind es auch der einfache Zugang und der alternative Rückweg, der den Talzug so anziehend macht.
Der Weiterweg vom Berggasthaus, das nach dem Brand im Jahr 1957 neu errichtet wurde, über die Gutenalp zur Käseralp bleibt, auch wenn er noch so verlockend aussehen mag, wegen oft großer Lawinengefahr erfahrenen Winter-Alpinisten vorbehalten. Die Lawine wird in einer alten Bergchronik als gefährlichster Würger des Allgäuer Bergwinters bezeichnet. Für denjenigen, der die Gesetze der Alpennatur nicht beachtet, ist dieser etwas effekthascherische Begriff heute genauso gültig wie damals. Insbesondere in den grimmigen Steilhängen der Höfats lauert die immer wieder durch den wüsten Rauhenhalstobel rumpelnde vernichtende Gefahr, Bäume entwurzelnd und kolossale Felsbrocken niederschmetternd. Aber vor allem auch über die vom Seealpsee ins Talbecken beim Oytalhaus abbrechenden Seewände krachen nicht selten ungeheuerliche, markerschütternde Schneewalzen.
Doch ein paar wenige Stapfschritte auf dem ungeräumten Alpweg über die Oybachbrücke kann man ruhig noch wagen. Wenigstens so weit, bis man rechts des messerscharf zum Himmelhorn, dem südwestlichen Trabanten des Schnecks, emporstrebenden Rädlergrates die bestechende Wildengruppe erspähen kann.
An der Nebelhornbahn in Oberstdorf halten wir uns Richtung Oytal und bummeln nach der Trettachbrücke hinauf zum Skistadion Schattenberg. Danach überwinden wir auf einem Winterwanderweg unterhalb der Schanzen in einer Schleife die Steilstufe zum Hotel Kühberg , 905 m, auf einer dorfnahen Terrasse. Anschließend spaziert man auf die höchst vornehme Trettachspitze zu, Richtung Käseralpe. Der Weg schwenkt um den Schattenberg herum bald vom Trettachtal weg. Dann leitet er ein Stück oberhalb des Oybachs, mehrere Lawinenstriche passierend, durch Wald taleinwärts. Vor uns fesselt das eigenwillige Antlitz des zum Laufbachtobel hin jäh abstürzenden Schnecks. Die ebenfalls überaus steilen, bewaldeten Hänge auf der Südseite des Tals gehören zu den Riffenköpfen. Nach großem Neuschneezuwachs oder bei kräftigem Temperaturanstieg ist dieser Weg ebenso wie der unter uns verlaufende Dr.-Hohenadel-Weg wegen Lawinengefahr gesperrt. Nach Überschreiten des Oybachs öffnet sich unter einem Bergsturz der Wald.
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