Der Monte Viòz erhebt sich in einem großen Gletscherareal, welches den Kern der südlichen Ortlergruppe umfasst. Kaum zu glauben, dass dieser mehr als 3600 Meter hohe Gipfel ohne besondere Hürden fast mit den Händen in den Hosentaschen zu besteigen ist. Möglich macht es die eisfreie Seite über dem Tal von Peio, wo grob gesprochen der Südostgrat die Leitlinie des Aufstiegs bildet. Dabei handelt es sich um ein Musterbeispiel für Wegebau in hochalpinem Terrain, so geschickt laviert die Trasse durchs Gelände, ab und an die Gratseite wechselnd und dabei allen schrofferen Felspartien ausweichend. Und dank der zahllosen Serpentinen ist sie faktisch kaum jemals besonders steil. Faszinierend, wie vergleichsweise hindernisarm man hier ins allerhöchste Stockwerk der Alpen gelangt! Freilich sind die Bedingungen in solchen Höhenlagen meist nur für wenige Wochen im Sommer optimal. Und bei Schneelage wird aus dem vermeintlichen Wanderberg schnell eine ernsthafte Hochtour. Einen Teil des enormen Höhenunterschieds lassen wir uns zunächst von zwei Aufstiegshilfen abnehmen. Trotzdem wird die Angelegenheit ob der bereits merklich dünneren Luft noch anstrengend genug, und tatsächlich bleibt bis zur letzten Seilbahnfahrt gar nicht übermäßig viel zeitlicher Spielraum. Also tritt man entweder mit reichlichen Konditionsreserven an, damit das Pensum an einem Tag routiniert zu absolvieren ist, oder man quartiert sich gleich oben im Rifugio Mantova ein. Letzteres besitzt zweifelsohne ganz speziellen Reiz, denn immerhin handelt es sich um die höchstgelegene Hütte östlich der Schweiz!
Nach Nutzung von Gondelbahn und Sessellift, mit kurzem Abschnitt zu Fuß dazwischen, steigen wir beim Doss dei Cembri, am Rande der eigenartigen Piani del Viòz, in die Tour ein. Man begeht anfangs einen kleinen Rücken, dreht scharf nach rechts ab und gelangt mit einigen Kehren und Traversen zu einer Lücke am Kamm der Cima Viòz, wo in die Ostseite gewechselt wird. Im Bogen schräg aufwärts zum Absatz bei P. 2635, dann in ähnlicher Weise höher zu einer Art Sattel hinter dem markanten Felsaufbau des Dente del Viòz. Nach ein paar weiteren Kehren begeben wir uns vorübergehend in die Westflanke, wo auf knapp 3000 Metern ein Steig aus dem Valle della Mite dazukommt. Zuletzt war dieser allerdings gesperrt.Blockiges Terrain kann den Vorwärtsdrang nun ein bisschen ausbremsen; auch eine steilere, bröselige Passage, die mittels Stufen einigermaßen stabilisiert ist, erheischt Vorsicht. Die nächsten Kehren leiten erneut zu einem Seitenwechsel, derweil gibt es auch mal eine flache Traverse, ehe man
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Autor
Mark Zahel
Mark Zahel hat als fleißiger Wanderer und Bergsteiger bisher mehr als 3000 Tage auf Alpentouren verbracht und schöpft aus dieser Passion seit über 20 Jahren eine intensive publizistische Tätigkeit. Die Liste seiner Buchveröffentlichungen umfasst inzwischen rund 80 Titel – in jüngster Zeit sind auch einige Wanderführer über norddeutsche Regionen hinzugekommen. Seine Kenntnisse reichen über weite Teile des Alpenbogens, besonders häufig aber ist er in dem breiten Streifen zwischen Bayern und Südtirol unterwegs. Zahel vergleicht seine Erkundungen gern mit einem Puzzlespiel, dem immer wieder neue Teile hinzugefügt werden, ohne dass es jemals »vollendet« werden könnte oder sollte. So bleibt die persönliche Entdeckungslust ungebrochen, während sich das »Gesamtbild« nach und nach immer detailreicher herausschärft.

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