Dieser scheinbar entlegene Übergang war deswegen so wichtig, weil die kleine Markgrafschaft Saluzzo (in den Alpen umfasste sie das Valle Po und große Teile der Täler Varaita, Maira und Grana) von Piemont bedroht wurde, wogegen sie sich mit Frankreich verbündete. Eines der wichtigsten Handelsprodukte war Salz, das im Rhonedelta gewonnen wurde. Es konnte aber nicht auf der traditionellen Salzstraße durch das Roya-Tal und über den Tenda-Pass bezogen werden, weil Savoyen-Piemont diese Route beherrschte. Der Bau des Buco del Viso bedeutete eine völlig neue - und gar nicht viel längere - Salzstraße (deswegen auch "Galleria del Sale" genannt), die Savoyen-Piemont nicht kontrollieren konnte.
Aber diesem Tunnel war keine lange Bedeutung beschieden: 1588 eroberte Savoyen-Piemont nach vielen vergeblichen Anläufen die Markgrafschaft Saluzzo und verleibte sie sich ein. Und sofort wurde dieser Tunnel geschlossen und unpassierbar gemacht: Er stellte unter militärischen Gesichtspunkten eine gar zu bequeme Verbindung von Frankreich zur Po-Ebene dar(das alpine Po-Tal ist ja eines der kürzesten in den Cottischen Alpen). Auf diese Weise verfiel der Tunnel und wurde teilweise von Felsstürzen verschüttet, wurde aber in der Erinnerung der Einheimischen nie vergessen. Im Sommer 1973 wurde dieser Tunnel vom Lions-Club und vom CAI hergerichtet und begehbar gemacht. Da in den folgenden Jahren im Winter der Tunnel mit Schnee zugeweht wurde, der in den meisten Sommern nicht abtaute, wurde auf der französischen Seite der Eingang mit einer Mauer versehen, die für die Begeher ein Schlupfloch hat. So war in den letzten Sommern eine Begehung möglich.
Im Jahr 2014 wurde der Tunnel umfangreich saniert, ausgebaut und wie den Bildern zu entnehmen ist gesichert. Neue infotafeln sind ebenfalls angebracht. Nun kann man also gut von Italien nach Frankreich gelangen. Eine Lampe ist auf jeden Fall empfehlendswert.
Werner Bätzing, Grande Traversata delle Alpi gta, Teil 2, Der Süden, 2011
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