Maria Saal, Wallfahrtskirche Mariae Himmelfahrt
Maria Saal, Wallfahrtskirche Mariae Himmelfahrt
Kärntens wohl bedeutendster Sakralbau der Gotik, die Propstei- und Wallfahrtskirche Mariae Himmelfahrt in Maria Saal erhebt sich auf einem Hügel des Zollfeldes, wehrhaft umgeben von Mauern, Türmen und Gräben. Sie wurde im Zuge der 2. Christianisierung Kärntens durch Bischof Modestus im 8. Jh. gegründet und im 13. Jh. durch eine romanische Saalkirche ersetzt. Heute zeigt sie sich als ein einheitlich spätgotischer Kirchenbau des 15. Jhs. (1430 – 1460 errichtet) mit zwei mächtigen Türmen und einem 3-schiffigen Langhaus.
An der Außenmauer der Kirche und in der Vorhalle befinden sich über 30 kunsthistorisch bedeutende, römerzeitliche und christliche Reliefsteine. Zum Großteil stammen sie aus dem um 400 n. Chr. untergegangenen Virunum, der Hauptstadt Norikums. Das Epitaph der Brüder des Erzbischofs, Wolfgang und Mert, das so genannte „Keutschacher Epitaph“ (1510) befindet sich an der Südwand der Sakristei. Nicht weit davon entfernt ist die weithin berühmte Postkutsche zu sehen. Dieses römische Grabbaurelief zeigt die Fahrt einer Verstorbenen ins Jenseits. Weiters finden sich Darstellungen aus der antiken Mythologie, so zum Beispiel - ebenfalls an der Sakristeisüdwand — Achills „Schleifung" der Leiche Hektors sowie das Grabrelief mit der Wölfin und den Zwillingen Romulus und Remus, den sagenhaften Gründern Roms, in der Vorhalle. Beeindruckend ist auch die Christophorusdarstellung, ein monumentales Barockfresko von Matthias Grafensteiner (1672).
Das Tympanon des spitzbogigen, profilierten gotischen Eingangsportals an der Westwand zeigt ein Relief von Christus als „Salvator mundi" (= Erlöser der Welt) in einer Halbfiguren-Darstellung.
Der Dom besteht aus einer 3-schiffigen Staffelhalle mit den drei Chören und den angebauten Kapellen. Die Schiffe sind 4 ½ -jochig. Das reiche Netzrippengewölbe des Mittelschiffes ruht auf Runddiensten und Konsolen. Der spitzbogige Triumphbogen lässt Raum für eine großflächige Triumphbogenwand, in deren kreisrunder Öffnung eine Skulptur des Weltenrichters platziert ist.
Der Hauptchor weist zwei Joche und einen 5/8-Schluss auf und ist mit einem Netzrippengewölbe gedeckt. Die Seitenchöre sind sternrippengewölbt und besitzen ebenfalls einen 5/8-Schluss.
Der Dom besitzt eine reiche Ausstattung kunsthistorisch wertvoller Fresken. Den Auftakt des Fresken-Zyklusses bildet das Fresko am Mittelschiffgewölbe das erst 1927 bei Restaurierungsarbeiten wieder entdeckt wurde. Es zeigt den Stammbaum Jesu von Abraham bis „Joseph, den Mann Mariens, von der Christus geboren wird.“ Die Deckenmalereien des Mittelschiffes beginnen im Osten mit der Darstellung eines älteren, bartlosen Mannes mit Schriftrolle und Federkiel. Neben der lateinischen Inschrift findet sich die Jahreszahl 1491. Bei dem Dargestellten handelt es sich um den Evangelisten Matthäus. In insgesamt 70 Gewölbefeldern (43 figürliche und 27 ornamentale) entwachsen aus den Blütenkelchen von Alpenblumen die 3 x 14 Stammväter und die 4 Stammmütter, die Matthäus angibt. An den Kreuzungspunkten der Rippen befinden sich Wappenschilde, die auf Kaiserhaus, Bistümer und Landesstände verweisen.
Die Fresken an der Querschiffdecke wurden um 1430 von einem unbekannten Künstler geschaffen. In der Mitte ist Maria mit Kind, von acht hll. Jungfrauen (Agnes, Agatha, Apollonia, Barbara, Dorothea, Katharina, Margareta und Ursula) umgeben, dargestellt. An der Decke des nördlichen Querhauses werden die vier lateinischen Kirchenväter gezeigt: Ambrosius, Hieronymus, Augustinus und Gregor. Gegenüber im südlichen Querhaus befinden sich die Symbole der Evangelisten: der Engel des Matthäus, der Adler des Johannes, der Stier des Lukas und der Löwe des Markus. Die Fresken im Querschiff wurden — wahrscheinlich im 18. Jh. übertüncht — erst 1930 wieder freigelegt.
An der Nordwand des Hauptchores befindet sich das gotische Dreikönigsfresko.
An der Wand über dem gotischen Sakristeiportal schuf 1928 der Maler Herbert Boeckl ein großes spätexpressionistisches Fresko mit der Rettung des Apostels Petrus aus dem See Genezareth durch Christus. Im Fresko des Maria Saaler Domes verlieh der Künstler dem ertrinkenden Apostel Petrus die Gesichtszüge Lenins, was bis 1983 durch ein davor platziertes barockes Bild verdeckt worden war.
Der barocke Hochaltar (1714) erhebt sich bis zum Gewölbe, wobei der den Abschluss bildende hl. Florian bereits im Gewölbezwickel steht. Im Zentrum des Altares befindet sich seit 1787 die Gnadenstatue von Maria Saal. Die gotische Steinguss-Madonna mit Kind wurde 1425 von einem unbekannten Künstler geschaffen. Sie wird von den hll. Rupert, Papst Gregor den Großen und den Apostelfürsten Petrus und Paulus flankiert. Im Altaraufsatz stehen die hll. Katharina und Barbara. Das Ovalbild zeigt die hl. Dreifaltigkeit.
Die vier Stuckfiguren hoch an den Chorwänden aus dem Anfang des 18. Jhs. stellen Joseph und Maria mit dem Jesuskind dar, sowie Papst Gregor und Johannes den Täufer. An der Südwand etwas tiefer stehen auf Konsolen die barocken Schnitzfiguren der hll. Petrus, Paulus und Georg aus dem 17. Jh. Darunter befindet sich ein Schnitzrelief mit der Darstellung der Geburt Christi, eine Renaissancearbeit (ca. 1500). An der Nordwand des Mittelchores kann man das bedeutende, auf 1435 datierte Dreikönigsfresko bewundern.
Die qualitätvolle plastische Gruppe der Aufnahme des hl. Johannes Nepomuk in den Himmel am südlichen Pfeiler zwischen Haupt- und Seitenschiff dient als ausgleichendes Gegenstück zur Kanzel am gegenüber liegenden, nördlichen Pfeiler. Beide Werke (1747) stammen aus der Hand des Johann Pacher.
Im linken, also nördlichen Nebenchor, befindet sich ein bemerkenswerter spätgotische Flügelaltar, der „Arndorfer Altar" (um 1520). Er wurde 1884 von der Filialkirche Arndorf erworben und ist ein typisches Werk der spätgotischen Kärntner Schnitzplastik, das den Meistern Lukas oder Heinrich Tausmann zugeschrieben wird. Im 2-geschossigen Schrein stehen die Schnitzfiguren der hll. Elisabeth, Maria Magdalena und Genovefa sowie eine Anna-Selbdritt. Darüber ist die Krönung Mariens dargestellt. Der linke Flügel zeigt unten die hl. Ursula mit Gefährtinnen und oben die Verkündigung. Die 14 Nothelfer sind auf dem rechten Flügel platziert. Ihre Attribute machen sie (von links nach rechts) in der unteren Reihe als hll. Georg, Erasmus, Aegidius und Katharina, in der mittleren Reihe als hll. Christophorus, Leonhard, Nikolaus, Margareta und Barbara sowie in der oberen Reihe als hll. Cyriakus, Vitus, Hubert, Pantaleon und Blasius kenntlich.
Im oberen Teil sieht man die Anbetung der hll. Drei Könige. In die Predella eingefügt ist eine Pietä, die links von Johannes dem Täufer und Jakobus d. Ä., rechts von Johannes Evangelist und Paulus begleitet wird. Die Rückseite des Altars ist bemalt: Auf der Predella sind der „Schmerzensmann" sowie zwei Engel und betende Pilger dargestellt. Auf den beiden Flügeln sind je vier Heilige zu sehen: Petrus, Jakobus, Rupert und Wolfgang (links) sowie Martin, Nikolaus, Sebastian und Rochus (rechts).
Bereits zum Mittelschiff ausgerichtet steht am Triumphbogenpfeiler eine weitere gotische Georgsstatue. An die Südwand des Seitenchores ist die aus dem Karner stammende Freskodarstellung des hl. Michael (uni 1400) angebracht.
Der Stephanus-Altar (1711) an der Nordwand zeigt am Altarblatt das Martyrium des hl. Stephanus. Das Altargemälde flankieren vier Statuen der alttestamentarischen Könige David, Salorno sowie Joas und Josias.
Es folgt an der Nordwand die 1451 von Barbara Sachs gestiftete „Sachsenkapelle". Diese Kapelle birgt die viel verehrte Modestusgrabstätte. Sie ist neben der Grabstätte der hl. Hemma in der Krypta des Gurker Domes das kirchengeschichtlich bedeutendste Heiligtum und Denkmal Kärntens.
Der Arme-Seelen-Altar in der Sachsenkapelle mit einer ausdrucksstarken spätgotischen Kreuzigungsgruppe wurde 1688 aufgestellt.
Aus Virunum stammen der mächtige Steinsarkophag links außerhalb der Sachsenkapelle sowie in der Nordwestecke eine schöne marmorne Brunnenschale, die früher als Taufstein verwendet wurde.
Der auf 1526 datierte gotische Flügelaltar im Südchor ist dem hl. Georg geweiht und zeigt diesen als Flachrelief. Auf den Flügelinnenseiten sieht man eine Darstellung Anna-Selbdritt sowie den hl. Oswald. In die Gesprengebaldachine sind Statuen von Christus, Maria und Johannes gestellt, in die Predella ein Relief der Beweinung Christi. Auf der Rückseite befinden sich Bilder Christus als Weltenrichter, Passionsszenen und das Schweißtuch der Veronika.
An die Befreiung Wiens von den Türken (1683) und die Belagerung Maria Saals durch die Ungarn (1482) erinnern die interessanten Votivbilder an den Winden des Südchores.
In der Nähe des Nebenchores steht der Josefsaltar (1689). Das Altarbild zeigt eine Darstellung der Vermählung Mariens, das Aufsatzbild den Tod Josefs.
Richtung Orgelempore befinden sich im südlichen Schiff hinter Arkadenbögen zwei vor 1459 errichtete Seitenkapellen. Die östlichere der beiden, die Barbarakapelle, wurde im Auftrag der Barbara Mordax errichtet. Das Altarbild verweist auf das Martyrium der hI. Barbara. Die westlichere der beiden Seitenkapellen ist die Annenkapelle mit einem Barockaltar dessen Blatt die hl. Mutter Anna mit ihrer Tochter Maria zeigt. Das Gemälde wird von barocken Schnitzfiguren der hll. Katharina und Agatha flankiert. Darüber im Auszugsbild ist die heilige Märtyrerin Luzia zu sehen.
Die Empore birgt die 3-werkige Johann-Martin-Jäger-Barockorgel (1735) mit 18 Registern. Die Orgel — war schon damals wegen ihrer Bauweise eine Seltenheit.
Mit einem Durchmesser von 222 cm und einem Gewicht von rund 6.600 kg ist die „Maria Saalerin" die größte Glocke des Landes Kärnten. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war sie sogar — nach der „Wiener Pummerin" des Stephansdomes — die zweitgrößte Österreichs.
Literaturnachweis:
Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Kärnten. Anton Schroll, Wien 2001, S. 512–519
Koordinaten
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